Fußball-WM 2026: Der DFB und die WM-Selbsttäuschung - FAZ
Deutsche Nationalmannschaft scheidet früh aus
Die deutsche Nationalmannschaft erlebte bei der jüngsten Weltmeisterschaft in den Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko ein frühes Ausscheiden. Nach einem vielversprechenden Start mit einem 7:1-Sieg gegen Curacao in der Gruppenphase, zeigten sich erste Schwächen im Spiel gegen die Elfenbeinküste, das Deutschland mit 2:1 gewann. In dieser Partie waren zwei Joker-Tore von Deniz Undav nötig, um den Sieg zu sichern. Die Leistungskurve der Mannschaft zeigte danach einen Abwärtstrend. Eine Niederlage gegen Ecuador, bei der die deutsche Mannschaft körperlich unterlegen war, führte schließlich zu einer Blamage im Sechzehntelfinale gegen Paraguay. Dort scheiterte das Team im Elfmeterschießen, nachdem es keine Lösung gegen die robuste Verteidigung des Gegners gefunden hatte.
Dieses frühe Ausscheiden markiert das Ende der Amtszeit von Bundestrainer Julian Nagelsmann. Bereits vor dem Turnier gab es Spekulationen über einen möglichen Nachfolger, wobei Jürgen Klopp im Hintergrund als Option genannt wurde. Die deutsche Mannschaft, die sich vor dem Turnier selbstbewusst zeigte und von einem guten Zusammenhalt sprach, konnte die Erwartungen nicht erfüllen. Dies war bereits das dritte frühe Ausscheiden in Folge bei einer Weltmeisterschaft, nach den Vorrunden-Pleiten in den Jahren 2018 und 2022.
Diskussion um Weltklasse und Spielphilosophie
Nach dem Turnier stellt sich die Frage nach der tatsächlichen Weltklasse im deutschen Fußball. Toni Kroos äußerte nach dem Ausscheiden im Sechzehntelfinale, dass die deutsche Mannschaft aktuell keinen einzigen Weltklassespieler habe. Er selbst galt als der letzte deutsche Spieler, der zweifelsfrei Weltklasse verkörperte. Spieler wie Florian Wirtz zeigten zwar Potenzial, nährten aber bei dieser Weltmeisterschaft eher Zweifel an diesem Prädikat. Auch Joshua Kimmich prägt das Spiel seines Vereins seit Jahren, jedoch auch, weil andere Spieler noch prägender wirken.

Die relative Erfolgsgeschichte der Heim-EM vor zwei Jahren wird im Rückblick auf die Präsenz von Toni Kroos und İlkay Gündoğan zurückgeführt, die Verantwortung übernahmen und es Kimmich ermöglichten, gut mitzutragen. Zudem setzte Julian Nagelsmann damals auf die Notwendigkeit robuster Arbeit, insbesondere im Zentrum. Bei der jüngsten Weltmeisterschaft war von dieser „Renaissance des Workers“ jedoch wenig zu sehen, was als „hoffnungslos naiv“ im Vergleich zu den Benchmarks des Weltfußballs beschrieben wird.
Der deutsche Fußball scheint in eine Falle getappt zu sein, die bereits seine Vorgänger Hansi Flick und Joachim Löw kannten: eine fast ausschließlich offensive Spielidee aus einem großen Angebot an talentierten Offensivspielern abzuleiten. Dieses Erbe der WM 2014, das „schöne Spiel“, wird als Beginn einer großen Täuschung betrachtet. Ohne die Fähigkeit zu „leiden“, wie es im Fußballjargon heißt, sei alles andere bedeutungslos. Als Randnotiz wird erwähnt, dass selbst das französische Team mit seiner offensiven Weltklasse abstürzte, als Trainer Didier Deschamps von seinem pragmatischen Ansatz abwich.
Wege aus der Selbsttäuschung
Die wichtigste Lehre für den deutschen Fußball ist, sich nicht weiter selbst zu täuschen. Es gibt Möglichkeiten, fehlende Weltklasse auszugleichen, aber nicht, wenn man sich gleichzeitig für weltklasse hält und inflationär davon spricht. Diese Autosuggestion sei an der Realität gescheitert. Stattdessen muss der deutsche Fußball lernen, wieder echte Weltklasse hervorzubringen. Erste Schritte wurden mit der Ausbildungsreform des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) unternommen, die besser ausgebildete Spieler, auch technisch, und mehr Spezialisten hervorbringen soll.
Es wird jedoch eine Nachjustierung gefordert, insbesondere im Hinblick auf Robustheit – sowohl körperlich als auch mental. Der deutsche Fußball benötige mehr „Straße“ und weniger Akademie, die seit Jahren das Bild beim DFB dominiert. Darüber hinaus sei eine klare Idee nötig, wie in der Nationalmannschaft Fußball gespielt werden soll, wie es auch Philipp Lahm gefordert hat. Teams wie Argentinien und Spanien standen im Finale, weil sie einen klaren Stil verkörperten.
Beide Finalisten sind traditionell Ballbesitzmannschaften. Spanien unter Luis de la Fuente nutzte den Ballbesitz auch als Defensivstrategie. Argentinien unter Lionel Scaloni musste lernen, dass der europäische Umschaltfußball nicht der Natur ihrer Spieler entspricht, und entwickelte eine Kombination aus selbstbewusstem Ballbesitz und äußerster Selbstverteidigung. Für den deutschen Fußball ist es ein Jahrzehntprojekt, wieder eine Weltmarke zu werden. Die schnelle Bereitschaft des DFB, Jürgen Klopp als neuen Bundestrainer zu verpflichten, spricht nicht gegen ihn, sondern dafür, dass der Verband sich die relevanten Fragen nicht gestellt hat, bevor er Fakten schaffen wollte.
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Source: faz.net