Fußball-WM 2026: England gegen Argentinien – Prognose für Halbfinale - FAZ
Historische Begegnungen und politische Dimensionen
Das bevorstehende Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 zwischen England und Argentinien am Mittwochabend in Atlanta trägt eine erhebliche historische und politische Last. Diese Begegnung ist nicht nur ein sportliches Ereignis, sondern auch eine Fortsetzung einer Rivalität, die durch zwei frühere Weltmeisterschaften und einen Krieg geprägt wurde.
Die Geschichte der Duelle zwischen der Albiceleste und den englischen Three Lions umfasst bedeutende Momente aus den Jahren 1966, 1982 und 1986. Diese Ereignisse haben aus einer sportlichen Konkurrenz einen politischen Mythos geformt, der bis heute nachwirkt.
Der ehemalige Kapitän der argentinischen Nationalmannschaft, Antonio Rattín, der 1966 eine wichtige Rolle spielte, verstarb kurz vor diesem Halbfinale am 11. Juli 2026. Er war 1986 Zuschauer des Viertelfinales.
Die „Hand Gottes“ und ihre Folgen
Das WM-Viertelfinale 1986 in Mexiko ist besonders denkwürdig. Diego Armando Maradona erzielte in der 51. Minute das 1:0 mit der sogenannten „Hand Gottes“. Nur drei Minuten später, in der 54. Minute, folgte das 2:0 durch einen beeindruckenden Sololauf, der später zum „WM-Tor des Jahrhunderts“ gewählt wurde. Das Spiel endete 2:1 für Argentinien.
Maradona selbst beschrieb den Sieg als mehr als nur einen Erfolg über eine Fußballmannschaft, sondern als einen Sieg über ein Land. Dies stand im Kontext des vier Jahre zuvor ausgetragenen Krieges um die Falklandinseln, die in Argentinien als Malwinen bekannt sind. Der Konflikt, der im April 1982 begann, führte zu fast 1.000 Todesopfern und endete im Juni 1982 mit einer argentinischen Niederlage, die als koloniale Demütigung empfunden wurde. Maradona sah den Sieg von 1986 als eine Form der Rache.
Das umstrittene Handspiel, das der Schiedsrichter nicht sah, wurde in Argentinien und anderen Teilen der Welt als Akt der Gerissenheit und als Demütigung einer ehemaligen Kolonialmacht interpretiert. In Europa und den USA wurde es hingegen oft als Betrug angesehen. Maradona schrieb in seiner Autobiografie, dass ihm das Handtor manchmal lieber gewesen sei, da es sich anfühlte, als hätte man den Engländern die Brieftasche gestohlen.
Das Viertelfinale 1966 und seine Auswirkungen
Bereits das erste WM-Viertelfinale zwischen den beiden Nationen im Jahr 1966 war von Kontroversen geprägt. Aus argentinischer Sicht wurde das Spiel als „el robo del siglo“, der Raub des Jahrhunderts, bezeichnet. Die Falklandinseln/Malwinen spielten auch hier eine Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung, wobei eine argentinische Boulevardzeitung titelte, dass England zuerst die Malwinen und dann den World Cup gestohlen habe.
Das Spiel eskalierte in der 35. Minute, als der deutsche Schiedsrichter Rudolf Kreitlein den argentinischen Kapitän Antonio Rattín wegen aggressiven Verhaltens vom Platz stellen wollte. Aufgrund von Sprachbarrieren und Rattíns Weigerung, das Feld zu verlassen, musste er schließlich von Polizisten abgeführt werden. Das Spiel endete 1:0 für England durch ein Tor von Geoff Hurst, das als abseitsverdächtig galt. Nach diesem Vorfall entwickelten Kreitlein und ein englischer Schiedsrichter das Konzept der Roten und Gelben Karte.
Internationale Medien sahen die Albiceleste als „moralischen Sieger“ dieses Viertelfinales, während englische Medien die Argentinier als „dem Gesetz des Dschungels gehorchend“ darstellten. Der englische Trainer Alf Ramsey äußerte sich rassistisch und sagte, seine Mannschaft würde ihren besten Fußball gegen die „richtige Art von Gegner“ zeigen, der sich nicht „wie Tiere“ verhalte.
Aktuelle Prognosen für das Halbfinale
Für das kommende Halbfinale haben Daniel Memmert und Fabian Wunderlich von der Deutschen Sporthochschule eine Prognose erstellt. Diese basiert auf verschiedenen Werten, wobei der Wettmarkt als wichtigster Faktor gilt. Die Daten bestätigen, dass dieses Halbfinale die bisher härteste Prüfung für den Weltmeister von 2022 sein wird, der damals im Finale gegen Frankreich gewann. England scheiterte im Viertelfinale der gleichen Weltmeisterschaft am selben Gegner.
Die Weltrangliste zeigt die Stärke beider Teams: Argentinien liegt auf Platz zwei, während England auf Platz vier rangiert. Obwohl die Südamerikaner in der Weltrangliste vorne liegen, sind die durchschnittlichen Marktwerte der Nationalspieler im WM-Kader bei England höher, was auch auf die Stärke der englischen Premier League zurückzuführen ist. Die Auswahl des deutschen Trainers Thomas Tuchel kommt auf 52,31 Millionen Euro, während die Argentinier auf 31,06 Millionen Euro kommen.
In der Gesamtbewertung liegt die Siegwahrscheinlichkeit für England bei 36,4 Prozent, während für Argentinien 31,7 Prozent prognostiziert werden. Die Unterschiede sind gering, und es besteht eine 31,9-prozentige Wahrscheinlichkeit für eine Verlängerung oder ein Elfmeterschießen. Sollte es dazu kommen, sind die Engländer mit 53,74 Prozent Favorit, gegenüber 46,26 Prozent für Argentinien.
Die Experten betonen, dass der hohe Zufallseinfluss im Fußball Vorhersagen schwierig macht und empfehlen, datenbasierten Modellen gegenüber einzelnen Expertenmeinungen zu vertrauen. Das Halbfinale findet am Mittwoch statt.
Read Also
Source: faz.net