WM 2026: Oliver Kahn verteidigt Thomas Tuchel
Nach dem Viertelfinalsieg Englands gegen Norwegen bei der WM 2026, der mit einem 2:1 nach Verlängerung endete, geriet Thomas Tuchel, der Nationaltrainer der Three Lions, in die Kritik. Tuchel hatte seine Mannschaft öffentlich kritisiert, was wiederum Reaktionen von Experten und Medien hervorrief. Oliver Kahn, ehemaliger Nationaltorhüter und früherer Vorstandsvorsitzender des FC Bayern, hat sich nun schützend vor Tuchel gestellt.
Kahn äußerte sich in einem Beitrag und zeigte sich irritiert darüber, dass Fragen aufkommen, warum ein Trainer seine Mannschaft nach einem Sieg kritisiert oder nicht lobt. Er betonte, dass die Reaktionen auf Tuchels Äußerungen mehr über die aktuelle Zeit als über den Fußball aussagen. Kahn zufolge offenbaren diese Reaktionen eine Eigenart, die über den Sport hinausgeht: die Annahme, dass Niederlagen der gefährlichste Moment einer Entwicklung seien. Er argumentierte, dass oft der Sieg der kritischere Moment sei, da eine Niederlage zur Analyse zwingt, während ein Sieg dazu verführen kann, darauf zu verzichten.
Für Kahn beginnt die eigentliche Führungsarbeit nicht nach einem verlorenen, sondern nach einem gewonnenen Spiel. Er ist der Ansicht, dass Führung nicht darin besteht, Menschen vor der Realität zu schützen, sondern ihnen die Realität zuzumuten. Dies führe nicht immer zu Zustimmung, sei aber die Grundlage für Entwicklung. Tuchel habe keine schlechte Stimmung verbreitet, sondern etwas getan, was im Spitzensport selbstverständlich sein sollte: Er habe verhindert, dass ein Sieg wichtiger wird als die Wahrheit. Der Unterschied zwischen guten und außergewöhnlichen Mannschaften zeige sich laut Kahn nicht nach Niederlagen, sondern nach Siegen.
Kahn und Tuchel kennen sich aus ihrer gemeinsamen Zeit beim FC Bayern. Kahn hatte Tuchel im März 2023 als Trainer verpflichtet, bevor sich der Verein zwei Monate später von Kahn trennte.
Tuchels taktische Überlegungen für das Halbfinale
Die englische Nationalmannschaft trifft im Halbfinale auf Argentinien. Thomas Tuchel hat sich intensiv mit dem argentinischen Team und insbesondere mit Lionel Messi auseinandergesetzt. Für die Chance auf das erste englische WM-Finale seit 1966 zieht Tuchel möglicherweise ungewöhnliche taktische Maßnahmen in Betracht. Er erwähnte, dass er über eine Manndeckung gegen Messi nachgedacht habe, die er als „die gute, alte“ bezeichnete.
Messi, der bei dieser WM bereits acht Tore erzielt hat, bereitet Tuchel besondere Kopfzerbrechen. Tuchel hob hervor, dass Messi Räume erkennt, die andere nicht sehen, und die Fähigkeit besitzt, seinen „unglaublichen linken Fuß“ effektiv einzusetzen. Trotzdem hat Tuchel bestimmte Muster im Spiel der Argentinier identifiziert. Er lobte Messis Rolle als Anführer und Schlüsselspieler, der das Team trägt und betonte die lange Zusammenarbeit und Turniererfahrung des argentinischen Kaders.
Obwohl Argentinien in der K.-o.-Phase Schwierigkeiten hatte und in mehreren Spielen in die Verlängerung gehen musste, sieht Tuchel sie als ein komplettes Paket. Er betonte ihre Mentalität und ihre Fähigkeit, in schwierigen Situationen nicht in Panik zu geraten. Tuchel ist überzeugt, dass es in einem langen Turnier wie der WM normal ist, Schwierigkeiten überwinden zu müssen. Er möchte England zum ersten WM-Finale seit dem Titelgewinn 1966 führen und betonte, dass niemand in der Mannschaft bereits zufrieden sei und man das Letzte aus sich herausholen wolle. Das Spiel zwischen England und Argentinien findet am Mittwochabend um 21.00 Uhr in Atlanta statt.
Bellinghams Reaktion und Tuchels Führungsstil
Die Kritik von Thomas Tuchel an seiner Mannschaft nach dem Sieg gegen Norwegen führte zu einer Meinungsverschiedenheit mit Starspieler Jude Bellingham. Tuchel bezeichnete das Spiel als „schlampig“ und sprach von „Glück“. Bellingham, der beide Tore für England erzielte, widersprach seinem Trainer und äußerte, dass Tuchel die Bedingungen, unter denen gespielt wurde, möglicherweise nicht verstehe. Er betonte, dass die Mannschaft versucht habe, eine positive Atmosphäre zu schaffen und dass man manchmal auch „mit harten Bandagen kämpfen und dreckig gewinnen“ müsse.
Diese öffentliche Auseinandersetzung wurde von vielen als ungewöhnlich empfunden, doch es wird angenommen, dass dahinter ein geschickter Plan von Thomas Tuchel steckt. Durch seine Kritik erreichte Tuchel, dass Bellingham sich vor die Mannschaft stellte und seine Mitspieler lobte. Tuchel konzentrierte sich darauf, Bellingham als Teamspieler hervorzuheben, der sich der Mannschaftsidee verschrieben hat, anstatt seine vielen Tore zu loben. Dies half, eine Geschichte rund um Bellingham als Teil einer eingeschworenen Truppe aufzubauen.
Tuchel betonte auch am Tag vor dem Halbfinale den Teamgeist seiner Mannschaft, den er als „Brotherhood on the highest level“ bezeichnete. Er erklärte, dass dieser Charakter ihn sehr stolz mache und dass der Zusammenhalt der Schlüssel zum Erfolg sei. Verteidiger Marc Guehi bestätigte diese Einschätzung und hob hervor, dass der Trainer die Gruppe hervorragend zusammengebracht habe und die Botschaft der „Brotherhood“ seit seinem Amtsantritt gelte. Diese Mentalität zeige sich besonders in den schwierigsten Momenten des Turniers.
Tuchel hat seinen WM-Kader bewusst so zusammengestellt, dass nicht die besten Einzelspieler, sondern diejenigen, die am besten in sein System und das Mannschaftsgefüge passen, berücksichtigt wurden. Obwohl diese Nominierungen anfangs auf Kritik stießen, sind die Kritiker nun verstummt. Tuchels direkter Stil, der in der Vergangenheit zu Problemen geführt hatte, scheint sich weiterentwickelt zu haben. Er weiß nun, dass er Spieler zwar herausfordern, aber niemals an den Pranger stellen darf. Die „Kabbelei“ zwischen Tuchel und Bellingham wird als eine Form der gegenseitigen Anspornung interpretiert, die die Leistung des Teams steigert. Bellingham hat bei dieser WM sechs Tore erzielt, darunter zwei in aufeinanderfolgenden K.-o.-Spielen.

Die beiden Persönlichkeiten, Tuchel und Bellingham, werden als rastlose Perfektionisten beschrieben, die stets glauben, dass es noch besser geht. Ihre Leidenschaft, ihr Ehrgeiz und ihre Kompromisslosigkeit tragen dazu bei, dass die Mannschaft höchste Standards erfüllt. Diese Eigenschaften sind für England bei dieser WM entscheidend, da sie der Mannschaft helfen, Widerstände zu überwinden und sich zum Sieg zu kämpfen. Das Halbfinale gegen Argentinien wird am Mittwochabend ausgetragen.
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Source: bild.de