„Das war kein richtiger Fußball“
In einem außergewöhnlichen Spiel um den dritten Platz der Weltmeisterschaft in Miami besiegte England Frankreich mit 6:4. Das als „kleines Finale“ bezeichnete Match entwickelte sich zu einem wahren Fußballfest mit insgesamt zehn Toren, das England die Bronzemedaille sicherte. Die internationale Presse reagierte mit einer Mischung aus Begeisterung über das Spektakel und kritischen Anmerkungen zur taktischen Disziplin beider Mannschaften.
Die „Daily Mail“ beschrieb das Spiel als ein „Zehn-Tore-Spektakel“, in dem Jude Bellingham in den letzten Sekunden den Siegtreffer erzielte. Trotz des hohen Unterhaltungswertes wurde die Partie von einigen als „Niveau eines Wohltätigkeitsspiels“ oder „Baller League“ bezeichnet, was darauf hindeutet, dass es sich nicht um „richtigen Fußball“ handelte. Dies wurde durch einige „desaströse Abwehrleistungen“ begünstigt, während das Angriffsspiel als „umso brillanter“ hervorgehoben wurde.
Ein Spiel der Extreme
Die erste Halbzeit zeigte eine dominierende englische Mannschaft, die mit 4:0 in Führung ging. Tore von Declan Rice in der dritten Minute und Ezri Konsa in der 18. Minute trugen zur frühen Führung bei. Die französische Mannschaft, die als WM-Favorit ins Turnier gestartet war, schien in diesem Durchgang lustlos zu agieren. Der „Corriere della Sera“ verglich das Spiel nach der ersten Halbzeit mit einem Flipper-Spiel, bei dem Frankreich „durchaus fünf oder sechs Gegentreffer hätte kassieren können“.
Nach der Halbzeitpause zeigte sich jedoch ein anderes Bild. Frankreich startete eine Aufholjagd, angeführt von Bradley Barcola und Kapitän Kylian Mbappé, und verkürzte den Rückstand auf 4:3. Die „Welt“ beschrieb, wie das Star-Ensemble um Mbappé plötzlich drauf und dran war, das Spiel völlig auf den Kopf zu stellen. Dennoch gelang es England, sich zu retten, auch dank später Tore von Bukayo Saka in der 87. Minute und Jude Bellingham in der 90.+8 Minute.
Der „Guardian“ urteilte, dass das Spiel, obwohl es bedeutungslos schien, zu den Höhepunkten des Turniers zählte und „wirklich fantastisch“ gewesen sei. Die „Times“ merkte an, dass die Reaktion der Fans nach dem Schlusspfiff zeigte, dass sie den Sieg genossen hatten, und dass die Art und Weise des Sieges den bitteren Nachgeschmack der Halbfinalniederlage etwas milderte.
Vor dem Anpfiff gab es Buhrufe gegen Englands Trainer Thomas Tuchel, dessen Foto auf der Anzeigetafel gezeigt wurde. Die Niederlage im Halbfinale gegen Argentinien, bei der England eine Führung in den letzten Minuten aus der Hand gab, schien unverzeihlich. Doch nach dem Sieg feierte England seinen Trainer. Tuchel selbst betonte, dass es die erste Medaille seit 60 Jahren und die erste Medaille im Ausland sei, und hoffte, dass die Spieler dies als Erfolg sehen würden.
Taktische Betrachtungen und Trainer-Abschied
Für Taktik-Experten wie Jan Henkel von MagentaTV war das Spiel jedoch „das pure Grauen“. Er bezeichnete die erste Halbzeit der Franzosen als „bodenlos, richtig schlecht“ und die zweite Hälfte der Engländer als „schwach“. Henkel kritisierte das fehlende taktische Verständnis und das mangelnde disziplinierte Abwehrverhalten beider Seiten. Er verglich das Spiel mit einer Partie auf dem Schulhof, bei der „von besonderem taktischen Verständnis […] nicht geprägt“ war.
Die internationale Presse teilte diese Ansicht teilweise. Die „Daily Mail“ sprach von einem „Wohltätigkeitsspiel“, während die spanische „As“ das Gefühl eines „Freundschaftsspiels“ beschrieb. Trotz der taktischen Mängel wurde der Unterhaltungswert des Spiels allgemein gelobt. Der „Corriere dello Sport“ hob hervor, dass es ein Spiel war, das in die Geschichte eingehen werde, nicht nur wegen Mbappés Führung in der ewigen Torschützenliste, sondern weil es daran erinnere, dass Fußball der schönste Sport der Welt sei.
Für Didier Deschamps war es das letzte Spiel als französischer Nationaltrainer nach 14 Jahren im Amt. Die „L’Équipe“ beschrieb es als ein Feuerwerk und eines der verrücktesten Spiele seiner Amtszeit. „RMC Sport“ sprach von einem „Schiffbruch wie die Titanic“, da Frankreich zur Halbzeit mit 0:4 zurücklag. Jan Henkel bedauerte, dass Deschamps‘ Amtszeit so endete, obwohl er einen Weltmeistertitel und einen Sieg in der Nations League errungen hatte. Deschamps selbst beendete sein Interview mit einer Dankesrede, in der er seinem Stab und den Spielern für ihren Einsatz dankte.
Der dritte Platz ist die größte WM-Leistung einer englischen Mannschaft seit dem Titelgewinn im Jahr 1966. Verteidiger Djed Spence sieht darin den Beginn von etwas Großem und hofft, dass es ein Sprungbrett für zukünftige Erfolge sein kann, möglicherweise bei der EM 2028 in Großbritannien und Irland.

Jordan Henderson, der im Kader stand, hielt eine beeindruckende Rede im Hotel, um die Mannschaft zu motivieren. Tuchel lobte Hendersons Rolle und betonte, dass es noch eine Lücke zu den Top-Drei der Welt gebe, die man schließen wolle. Das Spiel in Miami, das von vielen als bedeutungslos angesehen wurde, sicherte sich damit einen ganz eigenen Platz in der WM-Geschichte.
Die „Gazzetta dello Sport“ fasste zusammen, dass Sakas Hattrick den Sieg besiegelte und Didier Deschamps‘ Abschied alles andere als würdig war.
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Source: bild.de