Eine starke Fangemeinde ist äußerst hilfreich, wenn es darum geht, einen ESC-Vorentscheid zu gewinnen. Dass der Liechtensteiner Wavvyboi mit seinem Glamrock-Popsong „Black Glitter“ und Sarah Engels mit „Fire“ zu den Favoriten des deutschen Vorentscheids zählten, war bereits zwei Tage zuvor an den Streamingzahlen auf Spotify abzulesen. Besonders Sarah Engels stach dabei hervor.
Am Samstagabend setzte sich Engels in der von Barbara Schöneberger und Hazel Brugger moderierten Liveshow aus Berlin gegen Wavvyboi durch. Im Publikumsvoting erzielte sie 38,30 Prozent der Stimmen. Wavvyboi erreichte 34,15 Prozent, während die Drittplatzierte Molly Sue mit ihrer Ballade „Optimist (Ha Ha Ha)“ lediglich 27,55 Prozent erhielt.
So ist es, wenn unbekannte Teilnehmer gegen einen TV-Star antreten – das hört man von denjenigen, die Castingshow- und Reality-Stars, wie Sarah Engels, als künstlich wirkende Schönheiten verurteilen. So ist es, wenn man unter den neun Liveacts die beste Darbietung und die eindrucksvollste Bühnenshow bietet und zudem auch noch eine gewisse Bekanntheit hat, sagen die anderen.
Fesselnder Auftritt. Sarah Engels stellt ihren Titel „Fire“ beim deutschen Vorentscheid vor. © ARD/SWR/Claudius Pflug
Nach dem Sieg der 33-jährigen Sarah Engels meldeten sich in den sozialen Medien sofort Stimmen, die darauf hinwiesen, dass es bereits einen Powerpop-Song mit einigen lateinamerikanischen Rhythmen wie „Fire“ beim Eurovision Song Contest gegeben habe. Dieser trug den Titel „Fuego“, wurde von Zypern entsandt und von Eleni Foureira präsentiert, wobei eine ähnliche Choreografie verwendet wurde.
Der Vorwurf, einen derartigen Song bereits einmal gesehen und gehört zu haben, was bei „Fuego“ nach einer Überprüfung der Fakten nur teilweise zutrifft, gilt jedoch für jeden zweiten ESC-Act. So musikalisch stereotypisiert wie „der größte Livemusik-Wettbewerb der Welt“, wie Barbara Schöneberger immer wieder betonte, ist er dann doch.
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Es gibt unterhaltsame Nummern wie den Song „Ciao Ragazzki“ vom Duo Marti Fischer und Miirtek Starosciak, der von der 20-köpfigen internationalen Jury beim Vorentscheid nicht in die finale Auswahl für die Publikumsabstimmung gewählt wurde – trotz der eingängigen Kombination aus Italo-Disco und Polka.
Es gibt stets eine gefühlvolle Ballade über Herzschmerz, wie die von Molly Sue, einer Sängerin mit blonden Locken, die in einem unschuldigen weißen Kleid auftritt, während eine Ballerina im weißen Tutu durch den Bühnennebel wirbelt.
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Es gibt stets stampfenden Powerpop wie „Fire“, bei dem nach einem kurzen Intro der Refrain als ständige Wiederholung erklingt. In ihrem roten Fransenoutfit, hohen Lederstiefeln, langen Handschuhen, strahlendem Dekolleté und ihrer langen Mähne präsentierte sich Sarah Engels auf der Bühne des Vorentscheids als kraftvolle Erscheinung. Umgeben von vier Tänzerinnen und LED-Feuerprojektionen steht Engels’ Lied nicht für tiefgründiges Songwriting, sondern für ein beeindruckendes Bühnenspektakel.
Ich bin häufig gefallen und habe mich immer wieder aufgerappelt. Sarah Engels, die Sängerin
Warum sollte ein solches Augenkonfetti eine Botschaft vermitteln? Laut Sarah Engels hat es das jedoch. In ihrem Lied geht es darum, das innere Feuer neu zu entdecken, erklärt Engels. Es geht darum, dass jede Frau so sein darf, wie sie ist – und sich selbst lieben sollte.
„Ich bin oft gefallen und wieder aufgestanden“, gesteht die Sängerin, deren Durchhaltevermögen sich auch darin zeigt, dass sie mehrfach bei DSDS teilgenommen hat. „I’m on fire, fire / You’re a liar, liar“, singt sie in ihrer Hymne zur Selbstermächtigung. Und weiter: „Boy, I’m out of your league“, was so viel bedeutet wie „Junge, ich bin eine Nummer zu groß für dich“. Richtet sich das gegen ihren ehemaligen Ehemann Pietro Lombardi, mit dem Sarah Engels in den 2010er Jahren häufig in den Klatschspalten zu finden war?
Kann eine einzelne Person an so vielen Fernsehsendungen mitwirken?
Wenn man sich den Lebenslauf der in Köln geborenen und mehrfachen Mutter anschaut, wird einem schwindelig. Ist es möglich, dass eine Person an so vielen TV-Formaten teilnimmt? Sie hat das „Große Promibacken“ für sich entschieden, war bei „The Masked Singer“ und „Dancing on Ice“ aktiv und trat in „Wetten, dass…?“ sowie „Verstehen Sie Spaß?“ auf.
Sie arbeitete mit Pietro Lombardi an einer eigenen Doku-Soap, war in der Reality-Show „Star Race“ sowie in zahlreichen weiteren Formaten zu sehen. Außerdem nahm sie an „Let’s Dance“, „Grill den Henssler“ und „Promi Shopping“ teil. Ohne die maximal flexiblen Jederzeit-Ablieferer wie Sarah Engels hätten Sender wie RTL, ProSieben und Sat 1 kaum eine Chance.
Ob das Schicksal Deutschlands beim Eurovision Song Contest am 16. Mai in Wien in den Händen einer erfahrenen Persönlichkeit wie Sarah Engels, die im Privatfernsehen groß geworden ist, liegt, kann sowohl positiv als auch negativ interpretiert werden.
Der Zauber der unberührten Jugend, der beim ESC traditionell sowohl durch queeren Charme als auch durch die Erfolge der letzten beiden Jahre – JJ und Nemo – besticht, ist für eine erfahrene Künstlerin wie sie nicht gegeben. Doch Sarah Engels, die aktuell in Köln im Musical „Moulin Rouge“ als „Satine“ auf der Bühne steht und im vergangenen November das Album „Strong Girls Club“ veröffentlichte, wird mit Sicherheit eines tun: die Gelegenheit nutzen, um sich einem Millionenpublikum aus aller Welt sichtbar zu machen.